Practice

Im Kurzfilm «Practice» von Fantavious Fritz geht es um das Üben. Der Protagonist Jeremiah träumt davon eines Tages Basketballprofi zu werden. Deshalb ist er bereit längere Distanzen mit der U-Bahn zu reisen, um zu einem Basketballplatz zu gelangen. Stets hat er seinen abgenützten Basketball dabei, den er festhält und beschützt.

Unterlegt ist der 35mm-Film mit Aussagen des ehemaligen NBA-Basketballprofis Allen Iverson. Sie stammen von einer Pressekonferenz 2002. Die Reporter befragten Iverson über seine Trainingsmethoden, weil sie ihn in letzter Zeit nicht in den Trainings gesehen hatten. In seinen Antworten benutzte Iverson 26 Mal das Wort practice. Nicht als Aufforderung, sondern er war darüber genervt, dass die Reporter nach einem Spiel nichts besseres zu tun hätten, als über das Üben zu reden. Seiner Meinung nach sollte man den Fokus auf das Spiel, auf das Endresultat richten.

Verblüffend ist das, weil Fritz den Sinn von Iversons Aussage in seinem Video umgedreht hat. Begleitet durch Aufnahmen von Jeremiah und Ausschnitten aus Michael Jordans IMAX Film Michael Jordan to the Max wird seine Rede eine Ode an das Üben.

Das Wort practice gewinnt durch die Bilder an Bedeutung. Dies obwohl es heute seinen Stellenwert rasant verliert: Alles muss schnell gehen und mit möglichst wenig Zeitaufwand. Man will so schnell wie möglich zum Star werden und Ruhm erlangen. Neue Produkte sollen uns besser und schneller machen, aber was nützen uns neue Laufschuhe, wenn wir keine Lust haben, regelmässig laufen zu gehen? Wir wollen lieber Haben als Sein. Erich Fromm lässt grüssen.

Es ist ein langer Weg, bis man ein Handwerk meisterlich erreicht. Malcolm Gladwell spricht in seiner Theorie von 10 000 Stunden, die man üben muss. Das ist ein langer, steiniger, repetitiver Weg. So lange Zeit des Übens ist heute kaum denkbar. Wieso sollte man so lange eine einzige Aktivität einüben, wenn man währenddessen so viele andere Sachen machen könnte? Mit allen Ablenkungen und Möglichkeiten fängt man vieles an und bricht es beim ersten Aufkommen von Langeweile wieder ab. Wir benötigen etwas, das uns wie im Video immer wieder daran erinnert, dass wir üben sollten. In unserem Fall wäre das eine realistische Zielsetzung, die uns daran erinnert, wieso wir eigentlich etwas gestalten wollen. Dazu gehört auch Inspiration durch Arbeiten von anderen Gestaltern. Der Übungsweg, den andere bis zur Meisterleistung zurückgelegt haben, ist leider nicht am Resultat ablesbar. Denn während des Übens produzierten sie nichts Interessantes für die Öffentlichkeit. Es sind Etappen, gespickt mit langweiligen Werken, die aber für wachsenden Fähigkeiten an Bedeutung gewinnen.

Erst nach Recherchen entdeckt man, dass die Summe des Übungsmaterials ein Kunstwerk ergibt. Der Weg eines Kunstwerks ist ein Mosaik von Versuchen und Momenten des Scheiterns. Es geht aber nicht darum, wie oft man scheitert, sondern wie viele Male wir bereit sind, wieder aufzustehen und von unseren Fehlern zu lernen. Leonardo da Vinci vollendete sein Meisterwerk das letzte Abendmahl erst mit 46 Jahren. Bis dahin bestand sein jahrzehntelanger Übungsweg unter anderem darin, Illustrationen von gehängten Personen zu zeichnen.

Seine Geschichte und das Video von Fantavious Fritz lernen uns, das wir uns mehr Zeit für das Üben nehmen müssen. Denn Übung macht schliesslich den Meister. Dieses Sprichwort ist und wird immer aktuell bleiben.